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Podiumsdiskussion zum Thema "Das Grundgesetz - Eine Werteordnung für das Einwanderungsland Deutschland?".



Serap Güler, Mitglied im CDU-Bundesvorstand und stellvertretende Vorsitzende der Kölner CDU.



Prof. Dr. Christian Hillgruber, Rechtswissenschaftler am Institut für Kirchenrecht der Universität Bonn.



Prof. Dr. Mouhanad Khorchide, Leiter des Zentrums für Islamische Theologie der Universität Münster.


Karen Krüger, Autorin (Eine Reise durch das islamische Deutschland) und Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.


Peter Pauls (M.), Chefautor des Kölner Stadt-Anzeigers, übernahm die Moderation der Diskussionsveranstaltung.
Zum Thema „Das Grundgesetz – Eine Werteordnung für das Einwanderungsland Deutschland?“ diskutierten Serap Güler, Mitglied des Bundesvorstands und stellvertretende Vorsitzende der Kölner CDU, Prof. Dr. Christian Hillgruber, Rechtswissenschaftler am Institut für Kirchenrecht der Universität Bonn, Prof. Dr. Mouhanad Khorchide, Leiter des Zentrums für Islamische Theologie der Universität Münster, und Karen Krüger, Autorin und Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, am 22. Juni 2017 in der Bonner Akademie. Die Moderation übernahm Peter Pauls, Chefautor des Kölner Stadt-Anzeigers.

Die Veranstaltung fand im Rahmen des Forschungsprojekts „Wieviel Islam gehört zu Deutschland? Integrationserfahrungen junger und alter Menschen in einer säkular geprägten Gesellschaft am Beispiel des Ruhrgebiets“ in Kooperation mit der Brost-Stiftung statt.

Prof. Dr. Volker Kronenberg, Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Bonner Akademie, griff in seiner Einführung die Frage nach dem Status der Bundesrepublik auf: Natürlich handele es sich bei Deutschland längst um ein Einwanderungsland, auch wenn dieser Fakt noch immer von einigen wenigen Parteien negiert werde. Nun ginge es darum, zu definieren, welchen Werten sich die Bundesrepublik verpflichtet fühle. Das Grundgesetz sei dafür zwar wichtiger Orientierungsrahmen, das wesentliche Fundamentalentscheidungen regle, darüber hinaus müsse und könne aber nur eine dynamische Gesellschaft das Gesetz mit Leben füllen.

Daran anschließend wies Prof. Dr. Mouhanad Khorchide darauf hin, dass nur die wenigsten Menschen -unabhängig von ihrer Herkunft -das Grundgesetz gelesen hätten. Viel wichtiger als diese normative Ordnung seien die praktischen Werte des Zusammenlebens, die oftmals über den Rahmen des Grundgesetzes hinausgingen. Deshalb sei es essentiell, Orte der Begegnung -auch zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen - zu schaffen, die das Miteinander viel nachhaltiger prägten, als das Grundgesetz allein es je könne. In der Öffentlichkeit, so Khorchide, habe der Islam vor allem ein Wahrnehmungsproblem. Man spreche heute nicht mehr über die unterschiedlichen Nationalitäten, sondern nur noch über ‚die Muslime’. Dialog und Kontakt könnten dazu beitragen, ein positiveres Bild der Religion zu vermitteln.

Auch Serap Güler verwies auf das in der deutschen Öffentlichkeit vorherrschende negative Islambild, das vor allem auch mit türkischer Politik und der zweifelhaften Rolle der Ditib zusammenhänge. Gerade deshalb sei es wichtig, den liberalen Islam zu stärken, auch damit er sich zum Ansprechpartner für die Politik entwickeln könne. Die Zusammenarbeit mit der Ditib wiederum dürfe nicht fortgesetzt werden, solange diese ihre Position nicht ändere. Auch mit Blick auf die von Muslimen organisierte – und von der DITIB boykottierte – Demonstration gegen Terror und Gewalt in Köln am vergangenen Wochenende sagte Güler, dass Muslime sich natürlich mit ihrer eigenen Religion auseinandersetzen müssten, wenn Terroristen sich konkret auf diese beriefen. Dennoch hätte der im Alltag ganz überwiegend gelebte Islam nichts mit extremistischen Weltvorstellungen gemein.

Die Vorstellung, es reiche aus, das Grundgesetz zu verstehen, um friedlich zusammenzuleben, sei falsch, erläuterte Prof. Dr. Christian Hillgruber. Als Staatsbürger dürfe man auch gegen Freiheit und Demokratie sein, weshalb es natürlich übergeordneter Werte bedürfe. Mit Blick auf Religion hielt er fest, dass diese sich insgesamt größeren Schwierigkeiten ausgesetzt sehe. Die Religionsbeschimpfungen, vor allem gegenüber dem Islam, aber auch gegenüber dem Christentum, nähmen kontinuierlich zu. Dabei müsse jeder zugleich ein guter Christ oder Moslem, aber eben auch ein guter Staatsbürger sein können. Es gehe vor allem darum, den in unserem Grundgesetz verankerten Pluralismus zu akzeptieren und auch zu leben.


Dass Religion heute offenbar nur noch schwer auszuhalten sei, konstatierte auch Karen Krüger. In einer zunehmend säkular geprägten Gesellschaft rufe Glaube grundsätzlich Skepsis und Misstrauen hervor. Mit Blick auf das verzerrte Bild des Islams kritisierte sie auch die deutsche Medienlandschaft. Der normale muslimische Alltag sei zu langweilig, um wirklich von Journalisten thematisiert zu werden. Im Rahmen der Recherche für ihr Buch „Das islamische Deutschland“ sei er ihr jedoch häufig begegnet. Einflussreiche Menschen muslimischen Glaubens wie etwa Navid Kermani oder Cem Özdemir wiederum hätten kaum einen positiven Effekt auf das Islambild, weil sie mit ihrem Erfolg plötzlich nicht mehr als Muslime wahrgenommen würden.

Insgesamt so waren sich die Diskutanten einig, sei das Grundgesetz ein wichtiger Orientierungsrahmen, könne jedoch nicht alle essentiellen Werte definieren. Diese entstünden vor allem in gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen, die nur durch interkulturelle und interreligiöse Kontakte möglich seien. Demnach gehe es vor allem um Akzeptanz und eine Stärkung der Begegnungen, um eine Werteordnung wie das Grundgesetz zum Leben zu erwecken.