Die Bonner Akademie trauert

Liebe Freundinnen und Freunde der Bonner Akademie,

in tiefer Trauer nehmen wir Abschied von unserem Kuratoriumsmitglied Herrn Dr.-Ing. e.h. Wolfgang Clement, der am 27. September verstorben ist.

Die Bonner Akademie verliert einen pragmatischen Visionär.

Seiner Familie gilt unsere tiefste Anteilnahme.

von Test / in Neuigkeiten /

Größe und Tragik

– Beitrag von Bodo Hombach-

„Kein Nachruf“
Wolfgang Clement braucht keinen Nachruf, schon gar nicht die eiligen Testate derjenigen, die ihm zu Lebzeiten Steine in den Weg gelegt oder sogar ein Bein gestellt haben. Ein Quantum Dank allerdings wäre nicht schlecht für einen Homo Politicus, der seinen Weg gegangen ist.

Max Weber scheint ihn gekannt zu haben. Er beschrieb den Typus des Charismatikers, der die Akten vom Tisch fegt, wenn nichts mehr geht, weil die Selbstblockaden der Gesellschaft überhandnehmen. 

Er nimmt es in Kauf, wenn dann die Regelwerker und Bürokraten zur Treibjagd blasen. Sie treten ihm ja auch nicht mit offenem Visier entgegen. Sie streiten nicht um das bessere Argument und den – vielleicht – richtigeren Weg. Sie hoffen, dass er irgendwann ermattet. Den „Vierzehnender“ können sie nur als Trophäe über dem Kamin ertragen.

Aber vielleicht muss es auch beide geben: den pragmatischen Visionär und das Kollektiv der Bedächtigen. Vielleicht müssen sie sich gar nicht verstehen, denn wenn am Ende einer gewinnt, haben beide verloren. Ein gutes System bietet ihnen die Tanzfläche, auf der sie aneinandergeraten, nicht im langsamen Walzer oder schlürfenden Blues, sondern im geregelten Konflikt eines argentinischen Tangos.

Wolfgang Clement erlebte die Chancen des politischen Systems, aber auch seine Korrosion. Politik und Politiker sind mehr denn je umstellt vom organisierten Misstrauen. Man beachtet kaum, dass sie Richtiges tun, sondern fragt nach dem, was nicht klappt. Man prangert an. Man lauert auf. Man bringt zur Strecke.

Der Staat ist daran nicht schuldlos. 

Man wehrt sich gegen das ständige Erzogenwerden durch Medien, Hochsprache, Sozialmoral, aber der Gemeinwille ist mehr und Besseres als der „Deal“ des kleinsten gemeinsamen Nenners. Es herrscht eine Kultur des Gefühls:
Als individuelle Position ist das ehrenwert, es schafft aber einen Sog aus Missvergnügen, Empörung, Wut. Es wird zum „Brei der Herzen“, wie Hegel es verächtlich nannte.

Wolfgang Clement wusste: Mit schierer Sentimentalität ist kein Staat zu machen. Er fragte sich unablässig: Wie sieht eine Zukunft der Verantwortung aus? Welche Prognosen sind zu stellen, welche Therapien anzuraten? Handeln im Ungewissen ist das Risiko des Politikers, aber auch seine Ehre. Wer sie ihm ausreden will, macht ihn zum sicherungssüchtigen Opportunisten.  „Ich will nicht sachlich sein, ich bin besorgt.“ 

Wolfgang Clement litt unter der tatsächlichen oder vermeintlichen Fertigkeit der Zustände. Große Aufgaben waren sichtbar, aber im Grunde wurde immer nur repariert. Er litt unter dem Nebel des Ungefähren.

Größe und Tragik gehören zusammen. – Ich verneige mich vor diesem Menschen.