Loay Mudhoon
Nahost-Experte Loay Mudhoon, Redaktionsleiter des Dialogportals Qantara.de der Deutschen Welle, war am 20. Juni zu Gast in Bodo Hombachs Lehrveranstaltung „Politik und Medien: Einflussfaktoren auf die politische Bewusstseinsbildung“ an der Universität Bonn. In seinem Referat zur „Rolle der Medien im arabischen Frühling“ zeichnete Mudhoon den Einfluss der traditionellen sowie der neuen Medien auf die Revolution in Ägypten nach.

Mudhoon verwies zu Beginn seines Vortrages darauf, dass die arabischen Medien erst im Zuge der Terroranschläge vom 11. September 2001 in den Fokus der internationalen Nachrichten traten. Al Jazeera, al-Arabiya und Abu-Dhabi-TV hätten sich schnell zu Referenzmedien im globalen Nachrichtennetz entwickelt. Bis zum Ausbruch des arabischen Frühlings 2011 seien die Medien Teil des autoritären Systems der arabischen Länder gewesen und hätten sich in einer Grauzone zwischen staatlicher Lenkung und freier Berichterstattung befunden. Die Pressefreiheit sei durch  sogenannte „Informationsministerien“ in den arabischen Ländern stark eingeschränkt gewesen.
Einen ersten wesentlichen Einschnitt in der Medienlandschaft der arabischen Welt stellt für Loay Mudhoon die „Medienrevolution“ Mitte der 1990er Jahre dar. Mit der Einführung des Satellitenfernsehens hätten die dort ansässigen Medien eine bis dahin ungekannte Verbreitung erfahren und die Etablierung einer „Pan-arabischen Öffentlichkeit“ eingeleitet. Von besonderer Bedeutung sei hier die Rolle des Senders „Al Jazeera“ gewesen – geboren aus einer Idee zur Relevanz- und Markensteigerung des Emirs von Katar, hebe sich „Al Jazeera English“ durch eine analytischere Berichterstattung von anderen arabischen Sendern ab, die Nachrichten eher emotional verkauften. Staatliche Medien seien in Folge dieser Entwicklung in der Bevölkerung zunehmend diskreditiert worden.

 
Loay Mudhoon
Im Vergleich zum Medium Fernsehen, so Mudhoon, hätten die „Neuen Medien“ erst in den letzten zehn Jahren sukzessive an Bedeutung gewonnen.

Eine entscheidende Rolle für die Akzeptanz in der Bevölkerung sieht der Journalist in der Sozialstruktur der arabischen Welt: Zwei Drittel der Araber sind heute rund 30 Jahre alt, jeder Zweite sogar jünger als 24.
So kann es Mudhoon zufolge kaum  verwundern, dass Facebook in den arabischen Ländern parallel zum Anschwellen der sozio-ökonomischen Krise sehr hohe Zuwachsraten verzeichnet. Nach einer mehr als 50 Jahre andauernden repressiven Starre brachten vor allem zwei Ereignisse den Durchbruch der Sozialen Medien als „Instrumente der Selbstermächtigung und Befreiung“: der Aufruf zum Generalstreik gegen gestiegene Lebensmittelkosten in der nordägyptischen Textilindustriestadt Mahalla al-Kubra am 6. April 2008 und die Solidaritätsbekundungen für den im Juni 2010 in Alexandria durch Polizisten zu Tode geprügelten Internet-Blogger Khalid Sahid.

 
Studierende der Universität Bonn
An diesen beiden Begebenheiten zeigte sich, so Mudhoon, welch hohes Mobilisierungspotential die Sozialen Medien insbesondere in den ersten Tagen einer Bewegung besäßen. Noch deutlicher werde dies, wenn die sogenannten „Graswurzelbewegungen“ und oppositionellen Einheiten mit den virtuellen Gruppen  der Sozialen Medien zusammenspielen – so etwa bei den Massenkundgebungen in mehreren ägyptischen Großstädten am 25. Januar 2011.  Loay Mudhoon unterstrich jedoch, dass es sich bei der arabischen Revolution nicht um eine „Facebook-Revolution“ gehandelt habe, sondern um Aufstand gegen die herrschenden Regime aus der Mitte der Gesellschaft. Die Sozialen Medien hätten vielmehr die Funktion eines „Brandbeschleunigers“ gehabt.


 
Manuel Becker, Loay Mudhoon, Bodo Hombach
Zudem habe es in Ägypten eine Symbiose zwischen Satellitenfernsehen und den neuen Medien gegeben, die zu einer Verselbstständigung und Mobilisierung
der Bevölkerung geführt habe, wie sie bis dato im arabischen Raum nicht möglich erschien. Mudhoon warnte gleichzeitig davor, den Beitrag der Neuen Medien zum gesellschaftlichen Wandel in Ägypten zu überschätzen. So seien die Sozialen Medien derzeit noch ein Elite-Medium und man stünde gerade erst am Beginn eines langen Wandlungsprozesses der arabischen Welt. Medien seien kein Ersatz für fehlende Strukturen (wie Parteien, Stiftungen etc.), sondern vielmehr Mittler, um die alten Strukturen zu überwinden. Darin besteht Mudhoon zufolge ihr Beitrag zum demokratischen Umbau des Staates.
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