Die Teilnehmer und Experten des ersten Lokalforums Ruhrgebiet.





Prof. Dr. Volker Kronenberg, Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirates der Bonner Akademie, begrüßt die Experten und Gäste.





Frank Neukirchen-Füser, Geschäftsführer des Jobcenters Dortmund, im Gespräch mit weiteren Teilnehmern.





Angeregte Diskussion der Experten zum Ende der Veranstaltung.
 
Am 29. März 2019 fand das erste Lokalforum Ruhrgebiet zum Thema „Zwischen Strukturwandel und gesellschaftlicher Transformation – Bestandsaufnahme im Ruhrgebiet“ statt. Im Rahmen des dreijährigen Projekts „Integrationspolitik für die Mehrheitsgesellschaft – Bildungs- und Beteiligungsmöglichkeiten für junge und alte Menschen“, das die Bonner Akademie im Auftrag der Brost-Stiftung unter der Schirmherrschaft vom NRW-Integrationsminister Dr. Joachim Stamp durchführt, bringt das bereits im Vorgängerprojekt bewährte Workshop-Format Praktiker, Experten und Multiplikatoren aus dem Ruhrgebiet zusammen, um, über Integrationshürden für die Mehrheitsgesellschaft, Lösungsansätze und Best-Practices zu diskutieren. Somit stellte die im Zuge dieses Forums debattierte Bestandsaufnahme einen erfolgreichen Auftakt der Veranstaltungsreihe dar, welche in den kommenden Workshops thematisch konkretisiert wird. 

Im Rahmen seiner Begrüßung umriss Prof. Dr. Volker Kronenberg, Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Bonner Akademie und Projektleiter, die Rolle des Wandels als gesellschaftliche Herausforderung, die sich besonders im Ruhrgebiet verdichtet und verschärft hat. Drei Entwicklungen seien dabei von besonderer Bedeutung: Das Ruhrgebiet stellt den wirtschaftlich stärksten Raum Deutschlands und Europas dar, der wie kaum eine andere Region in der Republik vom Ausstieg aus der Kohle und dem damit verbundenen Strukturwandel betroffen ist. Gleichzeitig gilt es aber auch als Schmelztiegel, in dem Menschen verschiedener Herkunft zur Arbeit zusammenfanden und immer noch zusammenleben. Zuletzt herrschte historisch gesehen ein festes Vertrauen in gesellschaftsbindende Institutionen wie Volksparteien und Gewerkschaften, das nun aufweicht. Dies bedeute aber auch, dass „Integration“ nicht nur auf Menschen mit Migrationshintergrund bezogen, sondern gesamtgesellschaftlich betrachtet werden sollte.

Den Strukturwandel im Allgemeinen griff anschließend Prof. Dr. Jörg Bogumil von der Ruhr-Universität Bochumin seinem Impulsvortrag auf. Dabei stellte er seine persönliche Einschätzung voran, dass seine Sichtweise auf die Entwicklung des Ruhrgebiets mittlerweile positiver als vor einigen Jahren ausfalle. Die Arbeitsentwicklung sei trotz des Stellenabbaus im Bergbausektor nicht so dramatisch, wie sie häufig dargestellt werde – vielmehr habe sich eine Transformation der Beschäftigungsstruktur hin zu einer ökologischen Wissensregion mit vielen Zukunftsfeldern (wie digitale Kommunikation oder Gesundheitswirtschaft) vollzogen. Allerdings gebe es auch Problemfelder: die kommunalen Altschulden und die zunehmende Segregation. Der Haushalt vieler Städte sei zwar häufig finanziell gesund, jedoch zwängen die hohen Altschulden den Kommunen ein finanzielles Korsett auf. Die Segregation wiederum sei vor allem auf soziale Probleme, nicht jedoch auf Migrationsprobleme zurückzuführen. Perspektivisch müsse man demnach eine Bildungsoffensive für die Chancengleichheit starten und außerdem die bereits funktionale Differenzierung der Arbeit im Ruhrgebiet fortsetzen, um einem Konkurrenz- und Rivalitätsdenken entgegenzuwirken.

Im Anschluss präsentierte Jan Dinter von der NRW School of Governanceden Politischen Wandel des Ruhrgebietes. Sein Vortrag ging der zentralen Fragestellung nach, ob das Ruhrgebiet die neue Hochburg der AfD werden wird. Seine These lautete dabei, dass die Volksparteien heute nicht mehr über den breiten politischen Inhalt verfügten, der früher die Menschen an diese Parteien gebunden habe. Trotzdem sei es falsch, von einer Hochburg der AfD zu sprechen, da Stimmenabgabe für die AfD im Ruhrgebiet niedriger ausfiel als auf Bundesebene und sich die politische Grundstruktur nicht geändert hat. Viel mehr spiegele der Aufstieg der AfD eine hohe Zustimmung zu populistischen Grundeinstellungen wider – vor allem die politische Kultur des ‚kleinen Mannes‘, die langjährige Dominanz der SPD und der fast schon ruhrgebietstypische Niedergangsdiskurs hätten dem Populismus den nötigen Nährboden geboten.

In der darauf folgenden Diskussion wurde vor allem die Frage diskutiert, was ‚abgehängt-sein‘ eigentlich bedeutet und ob sich diese – zumeist – Fremdzuschreibung irgendwie quantifizieren lasse. Prof. Dr. Kronenberg merkte dazu an, dass der Begriff ‚Abgehängter‘ zwar nicht akkurat sei, aber trotzdem eine tatsächliche, statistisch-nachweisbare sowie eine emotionale Zuschreibung möglich sei. Diese werde aber dadurch erschwert, dass bei den Betroffenen eine Diskrepanz zwischen objektiver Feststellung und emotionaler Gefühlslage vorliegen könne. Infolgedessen wurde tiefgreifend über die soziale Ungleichheit als Kernproblem, Chancengleichheit durch Bildung und der sozialen Segregation des Ruhrgebiets diskutiert, wobei die Experten ihre persönlichen Erfahrungen und Kenntnisse in die Diskussion einbrachten.

Den zweiten Teil des Lokalforums leitete David Stroop, Gewerkschaftssekretär bei der IG BCE im Bezirk Gelsenkirchen, durch einen Kurzvortrag über die Rolle der Gewerkschaften im Strukturwandel ein. Seine zentrale These lautete, dass der Begriff ‚Strukturwandel‘ verkürzt sei und wir stattdessen von einem Strukturwandel in den nächsten liefen. Bei diesem stetigen Wandlungsprozess könnten die Gewerkschaften als wichtiges Bindeglied zwischen der Politik und den Arbeitern fungieren, u.a. indem sie Identität und Werte vermittelten. Als problematisch bezeichnete er, dass eine Entwicklung weg von Betrieben, die mit dem Bergbau in Verbindung stehen, hin zu Hochtechnologie stattfinde. Dadurch ergebe sich ein Spannungsfeld zwischen den vielen hochqualifizierten Stellen gegenüber den niedrigqualifizierten.
 

Im zweiten Diskussionsteil wurden dann von den Experten auch konkrete Lösungen vorgestellt. Besonders wurde auf die Wichtigkeit der Quartiersarbeit hingewiesen, die für jedwede Form der Integration ein zentrales Fundament darstelle. In Form eines Quartiersbüros könne man so zum Beispiel Menschen erreichen, die ein klassisches Amt nicht erreicht. Jan Dinter stimmte diesem Ansatz zu und merkte zusätzlich an, dass die Politik gerade auf Stadtteilebene kaum sichtbar und damit wenig greifbar sei. Insofern könne ein Stadtteilbüro ohne Partei-Logo das Vertrauen der Menschen leichter gewinnen als die klassischen Angebote. Des Weiteren stand die Einbindung von Jugendlichen in die Gesellschaft im Mittelpunkt der Diskussion. Hierbei wurde darauf hingewiesen, dass es jungen Menschen ihre Perspektiven aufzuzeigen gelte, wenn man sie an ihr Umfeld binden wolle. Während des anschließenden Mittagsimbisses hatten die Multiplikatoren noch einmal die Möglichkeit, die diskutierten Themen weiter zu besprechen und sich untereinander zu vernetzen.
 
 
 
 
 
Diese Webseite verwendet Cookies, um Ihnen einen besseren Service bieten zu können. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Mehr Informationen