Prof. Dr. Volker Kronenberg während seiner Eröffnungs-rede.



Prof. Dr. theol. Dr. rer. soc. jochen Sautermeister, Dekan der Katholisch - Theologischen Fakultät, Lehrstuhl für Moraltheologie und Direktor des Moraltheologischen Seminars der Katholisch - Theologischen Fakultät der Universität Bonn.




Dr. Wolfgang Picken, verwies auf die Wichtigkeit gemeinsamer gesellschaflicher Ziele.




Regina Karsch."Vielfalt kann nur durch die Setzung konkreter Rahmen eine Bereicherung sein."




Felix Banaszak. "Schulen müssen nicht nur Fachwissen, sondern auch Werte transportieren."




Nora Abu-Oun moderierte als Jounalistin des WDR die abendliche Podiumsdiskussion.





Bilder: BAPP
































 

Am 29. Januar fand im Fritz Café der Universität Bonn vor rund 80 interessierten Gästen die Podiumsdiskussion zum Thema „Was eint uns? Werte, Bildung, Teilhabe – Perspektiven für die Integration der Mehrheitsgesellschaft“ statt. Im Rahmen des Projekts der Bonner Akademie, „Integrationspolitik für die Mehrheitsgesellschaft –  Bildungs- und Beteiligungsmöglichkeiten für junge und alte Menschen im Ruhrgebiet“, diskutierte das Podium aus Vertreterinnen und Vertretern der Kirchen, Parteien und Gewerkschaften, inwiefern die jeweiligen Institutionen über Werte, Bildung und Teilhabe eine Integration der Mehrheitsgesellschaft schaffen können. Hierbei wurden Herausforderungen und Chancen in unserer pluralen, individualisierten Gesellschaft benannt, beleuchtet und mit praktischen Erfahrungen gefüllt.

In seiner Begrüßung verwies Prof. Dr. Volker Kronenberg, Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Bonner Akademie und Projektleiter darauf, wie anspruchsvoll die Frage nach dem „Einenden“ sei. Es gehe hierbei um zentrale Aspekte des gesellschaftlichen Zusammenhalts, weshalb für die folgende Podiumsdiskussion bewusst Vertreterinnen und Vertreter gesellschaftsverbindender Organisationen gewählt wurden, die immer noch Pfeiler unserer Gesellschaft seien: Kirchen, Gewerkschaften und Parteien. „Bei allen Herausforderungen und trotz sinkender Mitgliederzahlen sind diese Organisationen wesentliche Bestandteile unserer liberalen Demokratie, die unsere Gesellschaft mit ihren Werten stützen“, betonte Prof. Kronenberg. Ziel des Forschungsprojektes der Bonner Akademie sei es daher, die Gründe für eine wachsende Unzufriedenheit und die zunehmende Entfremdung in Teilen der Bevölkerung von etablierten politischen und gesellschaftlichen Institutionen zu identifizieren und über geeignete Integrationsmaßnahmen für die „Mehrheitsgesellschaft“ nachzudenken, um dem schwindenden Vertrauen in das demokratische Gemeinwesen entgegenwirken zu können.
Im Anschluss daran folgte ein Auftaktimpuls von Prof. Dr. Dr. Jochen Sautermeister, Dekan der Katholisch- Theologischen Fakultät der Universität Bonn. In seinem einführenden Vortrag ging es ihm nicht darum, Lösungen zu präsentieren, sondern vielmehr die richtigen Fragen zu stellen. Denn die Frage nach dem „Einenden“ mache deutlich, dass es den Wunsch nach Zusammenhalt gebe. Dort, wo dieser Wunsch nach Einheit verloren gegangen sei, stelle sich die Frage, ob durch Kirchen, Parteien, Gewerkschaften oder Verbände Integration geleistet werden könne. Es sei wichtig bei aller Individualität und steigenden Differenzen, das gemeinsame Ziel nicht zu vergessen: „Es geht darum sich zu vergewissern, was entscheidend und wesentlich ist, denn der Mensch als soziales Wesen braucht die Gemeinsamkeit, die Bindung zu anderen Menschen.“ Nur ein starkes Gemeinsames könne Unterschiede regulieren, weshalb das Gemeinsame innerhalb der Kirchen, innerhalb der Parteien und innerhalb der Gewerkschaften identifiziert und gefördert werden müsse.
In der nachfolgenden Diskussion beleuchteten die teilnehmenden Expertinnen und Experten die Frage „Was eint uns?“ aus ihrer jeweiligen Perspektive. Unter der fachkundigen Moderation der WDR-Journalistin Nora Abu-Oun wurde zu Beginn auf die Ängste und Entfremdung in der Mehrheitsgesellschaft eingegangen und im Anschluss Wege und Maßnahmen diskutiert, Gemeinschaft zu stiften. Hierbei waren Dr. Wolfgang Picken, Stadtdechant der Stadt Bonn, Felix Banaszak, Landesvorsitzender von Bündnis90/Die Grünen Nordrhein-Westfalen, und Regina Karsch, Leiterin der Abteilung Diversity & Antidiskriminierung bei der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) auf dem Podium vertreten.
Felix Banaszak, der selbst aus dem seit jeher von Migration geprägten Ruhgebiet stammt, verwies auf die Vielfältigkeit unserer Gesellschaft, wodurch die Frage nach dem Umgang mit eben dieser Multiperspektivität aufkomme. So könne Heterogenität gänzlich positiv wahrgenommen werden, aber auch als anstrengend und herausfordernd. Die Akzeptanz für eine vielfältige Gesellschaft könne nicht ohne aktive Gestaltung gelingen.
Für die Gewerkschafterin Regina Karsch sei Vielfalt sei zwar eine Bereicherung, könne aber nur in einem regen Austausch und in einem konkreten Rahmen funktionieren. Die Begegnung vor Ort, in den Betrieben, am Arbeitsplatz sei hierbei von hoher Bedeutung. Um dieses Verständnis zu fördern, würden in Bildungsseminaren gewerkschaftliche Werte vermittelt. Aber auch in Betrieben bedürfe es aktiver Maßnahmen, zum Beispiel durch Patenprogramme für Flüchtlinge, damit Integration und Vielfalt auch als positive Bereicherung wahrgenommen würden. Rechtsextreme Akteure würden in gewissen Branchen und Betrieben versuchen, die Belegschaften zu spalten, „dem werden die Gewerkschaften mit aller Kraft entgegenwirken“, so Karsch.
Felix Banaszakbetonte ebenfalls, dass der Entfremdung vom demokratischen Gemeinwesen nur durch Nähe, Wertschätzung und „Sich-kümmern“ entgegengewirkt werden könne. Eine funktionierende Infrastruktur oder eine stabile Altersvorsorge seien existentielle Bedürfnisse. Könne die Politik diese nicht gewährleisten, führe dies dazu, dass sich Bürger der demokratischen Partizipation entziehen oder Protestparteien wählen würden. Um dies langfristig zu verhindern, müsse die Schule neben Fachwissen auch Werte transportieren. „Demokratiebildung muss ein fundamentaler Baustein der Gesellschaft sein“, appellierte Banaszak. Schon junge Menschen sollten durch die Möglichkeit auf Selbstbeteiligung Demokratie und ihre Selbstwirksamkeit erfahren.
Stadtdechant Dr. Wolfgang Picken stimmte dem grundsätzlich zu, konstatierte aber auch, dass es zunehmend schwieriger sei, gerade Kindern und Jugendlichen die Wertebildung durch staatliche Bildungsträger zu vermitteln, da es dafür emotionale Bindungen bräuchte, die Pädagogen aber teilweise überfordert seien. Hierbei könnten Kirchen, Gewerkschaften, Parteien und Vereine eine wichtige Rolle spielen, um neue Formen der Vergesellschaftung zu gestalten. Picken verwies auf die Paradoxie moderner Gesellschaften, bei der Informationsfülle, digitale Kontaktmöglichkeiten und Individualisierung dazu führten, dass viele Menschen sich dennoch einsam fühlten. Um Menschen aus dieser „Individualisierungsfalle“ zu führen, sei es wichtig Impulse für gemeinsame Interessen zu schaffen. Kirchen, Gewerkschaften und Parteien hätten hierbei die Ressourcen und die Kraft diese Impulse bereitzustellen, sodass sich die einzelnen Individuen dann durch diese und in diesen Gemeinschaften durch ihre gemeinsamen Ziele verbinden und einen könnten. Auch er betonte, dass das Kennenlernen des Fremden Gemeinsamkeiten aufzeige. Diese Begegnungen müssten stärker organisiert werden. Insbesondere in den neuen Bundesländern, erklärte Regina Karsch, würden rechtsextreme Gruppen Jugendlichen Angebote für Gemeinschaft, Halt und Freundschaft machen. Das dürfe nicht sein. Dieses Bedürfnis nach Gemeinschaft und Solidarität müsse von demokratischen Kräften der Gesellschaft befriedigt werden, die eben nicht spalten, sondern vielmehr – ganz im Sinne der Fragestellung des Abends – die Gesellschaft einen.

 
 
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