Diskussionsveranstaltung „Medien und Wahrheit – Wer vermittelt uns ein realistisches Bild der Welt?“

Hier finden Sie den Bericht der Diskussionsveranstaltung mit Tom Buhrow, Dr. Susanne Gaschke, Tanit Koch und Prof. Bascha Mika.

Am 17. März 2022 diskutierten Tom Buhrow, Intendant des Westdeutschen Rundfunks, Dr. Susanne Gaschke, Journalistin und Publizistin, sowie Tanit Koch, Journalistin und ehem. Chefredakteurin (Bild-Zeitung, Mediengruppe RTL Deutschland, n-tv), zum Thema „Medien und Wahrheit – Wer vermittelt uns ein realistisches Bild der Welt?“. Durch den Abend führte Prof. Bascha Mika, Journalistin, Publizistin sowie ehem. Chefredakteurin der Frankfurter Rundschau.

Prof. Bodo Hombach begrüßte die Gäste in der Bonner Akademie
Das Podium der Diskussionsveranstaltung: Tanit Koch, Dr. Susanne Gaschke, Tom Buhrow und Prof. Bascha Mika (v.l.n.r.)
Tom Buhrow, Intendant des Westdeutschen Rundfunks
Dr. Susanne Gaschke, Journalistin und Publizistin
Tanit Koch, Journalistin und ehem. Chefredakteurin (Bild-Zeitung, Mediengruppe RTL Deutschland, n-tv)
Prof. Bascha Mika, Journalistin, Publizistin sowie ehem. Chefredakteurin der Frankfurter Rundschau.

In seiner Begrüßung näherte sich Prof. Bodo Hombach, Präsident der Bonner Akademie, an das komplexe Themenfeld der „Wahrheit“ an. So formulierte er unter anderem die Erkenntnis, dass eine endgültige Wahrheit für die Menschen letztendlich unerreichbar sei. Sie sei vielmehr ein dynamischer Prozess, an den sich fehlbare Menschen nur annähern können. In diesem Zusammenhang unterstrich Professor Hombach die Notwendigkeit und den Stellenwert eines freien, öffentlichen Diskurses, auch durch die Medien: „Wir sind auf Sekundärerfahrungen angewiesen. Wir brauchen Zeitungen, Sender und Plattformen. Die sollen uns ein realistisches Bild unserer Welt vermitteln.“

Auch Tom Buhrow unterstrich während seiner Impulsrede die Signifikanz der Medien und des unabhängigen Journalismus und betonte, dass „Wahrheit“ ein sehr großes und komplexes Wort sei. Er führte aus, dass Journalismus den Anspruch habe, die Wahrheit im Hier und Jetzt widerzuspiegeln, wenngleich das Bild des Einzelnen nicht nur durch Fakten alleine, sondern auch durch subjektive Wahrnehmungen entscheidend beeinflusst werde. Ihm bereite Sorge, dass das „Geschäftsmodell Spaltung“ wachse – unter anderem durch die neuesten Technologien und die Sozialen Medien -, wodurch enormer Druck auf das „Geschäftsmodell Wahrheit“ entstehe. In diesem Kontext äußerte er die Befürchtung, dass sich der Journalismus vermehrt der Agitation der Sozialen Medien anpasse, denn Polarisierung und Spaltung hätten sich längst als rentable Geschäftsmodelle etabliert. Umso wichtiger sei es, dass unter anderem auch im digitalen Raum demokratische Werte zunehmend gestützt würden, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken. Aufgabe des Journalismus sei es zudem, nicht nur zu vermitteln, sondern auch zuzuhören. Hierbei unterstrich der Intendant des Westdeutschen Rundfunks die Bedeutung von beidseitigem Vertrauen und Nähe: Medien werden seit jeher mit der Unterstellung der Voreingenommenheit konfrontiert – dies gelte es auszugleichen.

Zum Einstieg in die anschließende Diskussionsrunde stellte die Moderatorin des Abends, Professorin Bascha Mika, die starke Frequenz der aktuellen Krisensituationen (Corona-Pandemie und Ukraine-Krieg) in den Mittelpunkt und thematisierte die damit einhergehenden Folgen und den Umgang des Journalismus. Tanit Koch stimmte dem allgemeinen Befund zu, dass der Journalismus eine solche Häufung von Krisen selten erlebt habe, unterstrich aber gleichzeitig, dass der Journalismus viele Vorzeichen dieser sich anbahnenden Probleme offenbar verkannt habe. Dr. Susanne Gaschke stellte heraus, dass die Corona-Pandemie in ihren Augen eine extreme Ausnahmesituation sei, die sehr lange und dramatisch die Berichterstattung bestimmt hätte. In der jetzigen Situation in der Ukraine sei man stark auf wenige kenntnisreiche Experten angewiesen.

Im darauffolgenden Gespräch wurde unter anderem die Berichterstattung aus der Ukraine und aus Moskau thematisiert. Alle Diskutantinnen und Diskutanten äußerten großen Respekt vor der wichtigen Arbeit der Journalistinnen und Journalisten vor Ort. In diesem Kontext thematisierte Tom Buhrow auch die daraus entstehenden Spannungen zwischen Journalismus und der Verantwortung und Sicherheit gegenüber den Mitarbeitenden aus Sicht des Arbeitgebers. Im Hinblick auf die allgemeine journalistische Berichterstattung betonte Frau Dr. Gaschke die Wichtigkeit einer sauberen Trennung zwischen Bericht und Kommentar, diese Grenze würde zunehmend durchweichen. Auch der Intendant des WDRs unterstrich die Notwendigkeit, Meinungen klar als Kommentar zu kennzeichnen. Tanit Koch erläuterte im Anschluss, dass die deutschen Medien insgesamt sehr konsensorientiert seien, beispielsweise im Gegensatz zu Großbritannien.

Professor Bascha Mika fragte die Runde im weiteren Verlauf der Diskussion unter anderem nach den Kosten der Wahrheit. Dr. Susanne Gaschke führte aus, dass es schwierig sei, die anfängliche „Kostenlos-Kultur“ der Medienbranche im digitalen Bereich umzusteuern. Die Bereitschaft der Menschen, sowohl für Print als auch für Onlinemedien zu zahlen, sei gering. Die sich entwickelnde Konkurrenz durch ungesicherte Informationen bereite ihr für die Zukunft große Sorgen. Auch Tom Buhrow sieht diese Entwicklung kritisch und erläuterte noch einmal die Vertrauenskrise, in der sich der Journalismus gegenwärtig befände. Zwar würden die Produkte geschätzt, aber die Bereitwilligkeit hierfür zu zahlen sei nicht vorhanden. Die Öffentlich-Rechtlichen-Medien hätten den entscheidenden Vorteil, dass sie – aufgrund des gesellschaftlichen Auftrags – unabhängig von Resonanz und Abrufzahlen agieren könnten. Tanit Koch stellte neben den Nachteilen auch die Vorteile des Digitaljournalismus heraus, wie beispielsweise die Möglichkeit, Menschen schnell zu informieren, und betonte die Wichtigkeit der Konzentration der Öffentlich-Rechtlichen-Medien auf den Lokaljournalismus – dies sei eine enorm wichtige Aufgabe, da es ein Bedürfnis füllt, das durch andere Medien im lokalen Bereich nicht mehr aufgefangen werden könne.