Online-Veranstaltung „Ende der ‚Akademisierung‘? Welchen Stellenwert hat die berufliche Bildung?“

Hier finden Sie den Bericht und das Video der Online-Veranstaltung mit Staatssekretär Christian Luft, Anja Wenmakers, Prof. Dr. Hilmar Schneider und Hans Peter Wollseifer.

von Redaktion / in Podiumsdiskussionen /

Am 15. März 2021 diskutierten Christian Luft, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung, Anja Wenmakers, Geschäftsführerin SWB Bus und Bahn, Prof. Dr. Hilmar Schneider, Vorsitzender der Geschäftsführung des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) /Institute of Labor Economics, sowie Hans Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks über den Stellenwert der beruflichen Bildung in Deutschland. Durch den Abend führte Michael Krons, leitender Redakteur der Programmgeschäftsführung phoenix.

In seiner Begrüßung leitete Prof. Bodo Hombach in das Thema des Abends ein und mutmaßte eine verkrampfte Akademisierung der Bildungslandschaft in Deutschland. Der Überfluss an Akademikerinnen und Akademikern könne den Mangel an Fachkräften nicht ausgleichen. Prof. Dr. Dr. h. c. Michael Hoch, Rektor der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, knüpfte in seiner Begrüßung daran an und stellte heraus, wie wichtig es sei, den Wert der beruflichen Ausbildung zu betonen und zu steigern. Nur wenn der Stellenwert sowohl der beruflichen Bildung als auch der akademischen Bildung hoch sei, bleibe der Bildungs- und Forschungsstandort Deutschland stark.

In einer einleitenden Umfrage konnten die Zuschauerinnen und Zuschauer darüber abstimmen, was sie einem jungen Menschen heutzutage nach der Schule empfehlen würden. Der Moderator des Abends Michaels Krons stellte das Ergebnis vor: 26 % würden eine Ausbildung empfehlen, 21 % ein Studium und 53 % ein duales Studium. Prof. Dr. Schneider führte daraufhin aus, dass entgegen dem Stimmungsbild der Zuschauerinnen und Zuschauer nach den derzeitigen Zahlen das duale Ausbildungssystem an Bedeutung verliere und die Anzahl der Studierenden an Hochschulen und Universitäten zunehme. Im OECD-Vergleich sei die Akademisierungsquote in Deutschland jedoch niedrig.

Staatssekretär Christian Luft betonte die große Bandbreite an Ausbildungsangeboten. Ziel müsse es sein, junge Menschen über die existierenden Möglichkeiten zu informieren und zu motivieren, ihre Entscheidungen nach den eigenen Fähigkeiten zu treffen. Zudem sei es wichtig zu vermitteln, dass eine Entscheidung nicht endgültig ist und es heute eine große Vielfalt und viele Möglichkeiten des Wechsels gebe. Frau Wenmakers stimmte dieser Aussage zu: Die Verläufe und Möglichkeiten seien durchlässiger geworden. Hans Peter Wollseifer erläuterte im Anschluss, wie sich die Berufe in der beruflichen Bildung modernisiert haben und dass die Berufsbilder des Handwerks weiterentwickelt und digitalisiert werden. Berufliche und akademische Bildung sei gleichwertig, in beiden Bereichen gebe es gute Karrieremöglichkeiten und ein ausgewogenes Verhältnis dieser beiden Bereiche sei notwendig. Die zukünftige Entwicklung hänge auch davon ab, wie Menschen für die berufliche Bildung motiviert werden können, da diese momentan aufgrund von Strukturproblemen und Pandemieeinschränkungen schwächelt.

Prof. Dr. Schneider wies hinsichtlich der zukünftigen Entwicklung zudem auf die demografische Entwicklung und die damit verbundenen Probleme hin. In diesem Zusammenhang sei die Zuwanderung ein wichtiges Thema, Möglichkeiten zur Verbesserung der Deutschkenntnisse müssten mit Druck vorangetrieben werden. Frau Wenmakers und Herr Wollseifer schlossen sich dieser Meinung an: In der Praxis werde die hohe Relevanz von Deutschkursen sichtbar, die mit politischer Unterstützung beworben und ausgebaut werden müssen. Generell seien die Unterstützung der Ausbildungsbetriebe und die Bewerbung der beruflichen Bildungsmöglichkeiten grundlegend.

Moderator Michael Krons leitete im Anschluss auf den positiven Einfluss der Pandemie auf die Digitalisierung weiter und gab die Frage der digitalen Entwicklung im Bereich der beruflichen Bildung an das Podium weiter. Die Digitalisierung habe sich beachtlich beschleunigt, wie Prof. Dr. Schneider ausführte. Betriebe hätten im laufenden Betrieb gelernt, sich an neue Gegebenheiten anzupassen. Nun gehe es darum, Potenziale adäquat einzusetzen. Frau Wenmakers sah viele positive Entwicklungen und betonte, dass Berufe zukünftig anders aufgestellt werden. In vielen Bereichen würde dies jedoch noch Zeit in Anspruch nehmen, wie beispielsweise in den Werkstattprozessen und der Elektromobilität. Auch Staatssekretär Luft sah vor allem im zweiten Lockdown einen großen Fortschritt in der digitalen Entwicklung. Oft stehe die deutsche Fehlerkultur der Entwicklung jedoch im Wege: In vielen Bereichen sei es sinnvoller, zunächst mit Beta-Versionen zu arbeiten und anschließend notwendige Verbesserungen vorzunehmen, um so Dinge weiterentwickeln zu können.

Einig waren sich die Podiumsgäste in der Forderung, junge Menschen stärker und besser über die berufliche Bildung zu informieren und das gesellschaftliche Bild neu zu prägen. Herr Wollseifer führte aus, dass es bei der Wahl der Ausbildung um die eigenen Talente gehe. Prof. Dr. Schneider betonte in diesem Zusammenhang, dass nicht weiter suggeriert werden dürfe, man könne mit der akademischen Bildung alles erreichen. Wie auch in anderen Ländern sichtbar wird, führe eine hohe Akademisierungsquote keinesfalls zu weniger Arbeitslosigkeit. Die akademische Bildung sei im Gegensatz zur beruflichen Bildung nicht nachfrage- sondern angebotsorientiert.