Podiumsdiskussion „Alles übertrieben? Von Impfgegnern, Aluhüten und besorgten Bürgern. Corona und die Verschwörungsmythen.“

Der Bericht und das Video der digitalen Diskussionsrunde am 29. Oktober 2020 im Rahmen der Erstsemesterwoche des Wintersemesters 2020/21 an der Universität Bonn

Hier können Sie sich die Online-Diskussion in voller Länge anschauen.

Am 29. Oktober 2020 diskutierten in einer digitalen Diskussionsrunde im Rahmen der Erstsemesterwoche des Wintersemesters 2020/21 an der Universität Bonn der FDP-Bundestagsabgeordnete Johannes Vogel, die Journalistin und Autorin Katharina Nocun sowie die Philosophin und Leiterin des Forums für Streitkultur Dr. Romy Jaster über das aktuelle Thema Verschwörungen in Zeiten der Coronapandemie. Die Veranstaltung fand im Rahmen des Projekts der Bonner Akademie „Integrationspolitik für die Mehrheitsgesellschaft – Bildungs- und Beteiligungsmöglichkeiten für junge und alte Menschen im Ruhrgebiet“ statt.

Professor Dr. Volker Kronenberg, Leiter des Forschungsprojekts und Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Bonner Akademie, eröffnete die Veranstaltung und führte anschließend in das Thema der Diskussion ein, welches kaum aktueller hätte sein können. Erst am vorangegangenen Tag wurden von der Bundesregierung und den Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten der Länder erneut weitgehende Maßnahmen zur Kontaktbeschränkungen und Bekämpfung der Corona-Pandemie beschlossen. Der Großteil der Gesellschaft trage die getroffenen Maßnahmen weiterhin mit, jedoch lasse sich nicht bestreiten, dass nach der anfänglichen Phase des gesellschaftlichen Zusammenhalts und dem Mittragen der Maßnahmen inzwischen viele Menschen bemängeln, wie die politischen Beschlüsse zustande kommen und welche konkreten Regeln sie beinhalten, so Kronenberg. „Ob diese Maßnahmen geeignet, erforderlich und verhältnismäßig sind, darüber wird leidenschaftlich gestritten und heftig diskutiert; angemessen auch in den Parlamenten und auf den Marktplätzen.“ Gleichzeitig merkte er an, dass wir bei dem Streit und dem Konflikt, den es gibt, die Zustimmung in großen Teilen der Bevölkerung zu den Maßnahmen und zu der Politik nicht aus dem Blick verlieren dürfen. Damit war einer der Schlüsselbegriffe der abendlichen Diskussion genannt: die Akzeptanz in der Bevölkerung.

Nach der Begrüßung und Einführung übernahm der Politikwissenschaftler und Veranstaltungsmoderator Marco Jelic die Moderation der Diskussion und stellte die Diskussionsteilnehmer vor.

Katharina Nocun, Journalistin und Autorin
Johannes Vogel, FDP-Bundestagsabgeordneter
Dr. Romy Jaster, Philosophin und Leiterin des Forums für Streitkultur

Die Autorin Katharina Nocun, die zusammen mit der Sozialpsychologien Pia Lamberty das Buch „Fake Facts“ veröffentlicht hat, knüpfte zu Beginn der Diskussion an die Frage an, warum aktuell mit der Corona-Pandemie auch Verschwörungserzählungen so präsent sind. Insbesondere in Krisensituation und Situationen des Kontrollverlustes werden Muster gesehen, wo keine sind. In der Corona-Pandemie mache sich dieser Kontrollverlust bei vielen Menschen in diversen Formen zugleich bemerkbar, sei es in der wirtschaftlichen Unsicherheit, in den politischen Umwälzungen oder den persönlichen Einschränkungen. Im Verlauf der Diskussion machte sie außerdem deutlich, dass das Aufkommen von Verschwörungserzählungen in Krisenzeiten historisch betrachtet keineswegs die Ausnahme sei und dass die aktuellen Feindbilder in der Coronakrise eine hohe Anschlussfähigkeit an bereits existierenden Feinbildern und Verschwörungstheorien aufwiesen.

Der Bundestagsabgeordnete und Generalsekretär der FDP in Nordrhein-Westfalen Johannes Vogel stellte klar, dass Kritik an jeder Maßnahme immer legitim sei, jedoch dann stillos werde, wenn sie die Grenzen der Höflichkeit und demokratischen Diskurses verlasse. Er empfinde die Grenze zur Verschwörungserzählung dann überschritten, wenn versucht werde, einer Person oder Gruppe pauschal Schuld zuzuschreiben, denn „die Welt wird nie simpel und monokausal erklärbar sein.“ Die spannende Frage, die er sich außerdem stelle, laute: „Was können wir als Gesellschaft tun, um Resilienz bei den Menschen zu fördern und so die Anfälligkeit für die psychologischen Muster der Verschwörungserzählungen zu reduzieren?“

Dr. Romy Jaster, Philosophin an der Humboldt-Universität Berlin, betonte, dass in der Diskussion um die Akteure der Verschwörungstheorien eine Differenzierung stattfinden müsse, zwischen den stark ideologisierten Personen und denjenigen, die eine gewisse Offenheit haben und bei denen es beispielsweise durch sogenannte Echokammern zu einem Radikalisierungsprozess kommen könne. Daran anknüpfend verweist sie im weiteren Verlauf der Diskussion auf die Rolle von Medien und wie wichtig das Vertrauen zu solchen Quellen ist. Denn schließlich erlangen wir einen Großteil unserer Überzeugungen nicht über eigene Erfahrungen, sondern über Berichte und Zeugnisse Dritter. Aktuell habe eine gewisse Zahl an Menschen offenbar mehr intrinsisches Vertrauen zu irgendwelchen Personen, die auf Telegram Verschwörungen erzählen und kein intrinsisches Vertrauen gegenüber den Quellen, in denen sorgfältig aufbereitete Informationen vermittelt werde.

Das Podium während der Online-Diskussion.

Zum Ende hin konnten auch die Fragen der Zuschauer*innen, die im Verlauf der Diskussion im Chat gesammelt wurden, in die Runde eingebracht und beantwortet werden, so dass es insgesamt eine lebendige und spannende Diskussion war.

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