Interview mit Pia Lamberty

In dem dieswöchigen Interview beantwortet Pia Lamberty, Psychologin, Expertin für Verschwörungsideologien und Doktorandin am Lehrstuhl Sozial- und Rechtspsychologie der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, unsere Fragen rund um das Thema Verschwörungstheorien in der Corona-Zeit.

von Test / in Sonderveröffentlichungen /

Bonner Akademie: Mit der Corona-Pandemie scheinen Verschwörungstheorien stark zuzunehmen. In den vergangenen Wochen kursierten zahlreiche Spekulationen über Herkunft, Urheberschaft und Gefährlichkeit des Virus. Wie kommt es zu dieser Popularität solcher teils absurden Theorien?

Pia Lamberty: Verschwörungserzählungen spielen insbesondere in Krisenzeiten eine Rolle. Das zeigt sich an verschiedenen Punkten in der Geschichte – auch in Bezug auf Krankheitsausbrüche wie Ebola, Zika, AIDS oder die Spanische Grippe. Tiefgreifende und schnelle gesellschaftliche Umbrüche stellen die eigene Lebenswirklichkeit dann fundamental in Frage. Plötzlich ist das, was gestern normal war, heute nicht mehr denkbar. In solchen Zeiten haben viele Menschen das Gefühl, allem ausgeliefert zu sein und keine Kontrolle mehr zu haben – das gilt auch für die Corona-Pandemie. Wenn Menschen das Gefühl haben, keine Kontrolle zu haben, neigen sie dazu, auch da Muster zu sehen wo keine sind. Der Glaube an einen Verschwörer strukturiert also die Welt und gibt Menschen das Gefühl, handlungsfähig zu sein. Das Virus ist eine unsichtbare Gefahr, der Verschwörer wirkt greifbarer. Welche Rolle die Pandemie genau auf den Verschwörungsglauben haben wird, wird sich noch zeigen. Erste Studien geben aber bereits einen Eindruck, dass der Glaube an eine Verschwörung um die Pandemie nicht nur eine Minderheitenmeinung ist. Laut dem Covid-19 Snapshot Monitoring (COSMO) aus dem Mai 2020 glaubten 17 Prozent, dass Corona mit böser Absicht von Menschen gemacht sei und ebenso viele meinen, Corona sei ein Schwindel. Neun Prozent glaubten sogar an beides.

Bonner Akademie: Bei den sogenannten „Querfront“-Demonstrationen waren Vertreter verschiedener politischer Strömungen präsent, unter anderem sowohl Rechts- als auch Linksextreme. Wie kommt es zu diesen eigenartigen Zusammenschlüssen, in denen diese Lager plötzlich kooperieren?

Lamberty: Generell ist es kein neues Phänomen, dass unterschiedliche Akteure durch Verschwörungserzählungen zusammenkommen und sich gegen ein gemeinsames Feindbild wenden. Das Thema Impfungen hatte zum Beispiel schon vor Corona genau dieses Potential. Knapp 20 Prozent der Bevölkerung haben 2019 an eine Impfverschwörung geglaubt – da finden sich dann Menschen, die sich eher als links-alternativ verstehen genauso wie Menschen, die sich eher in der bürgerlichen Mitte sehen oder auch Rechtsextreme. Es kommt auch nicht von ungefähr, dass die WHO bereits letztes Jahr Impfgegner als globale Bedrohung bezeichnet hat. Auch bei den sogenannten „Mahnwachen für den Frieden“ 2014 gab es die Tendenz, dass sich eine Querfront zusammengetan hat. Auf diesen Veranstaltungen kamen dann auch unterschiedlichste Menschen zusammen und haben Verschwörungserzählungen verbreitet.

Es ist vollkommen legitim, sich mit demokratischen Mitteln gegen die Maßnahmen auszusprechen und darüber zu diskutieren, was sinnvoll ist. Wenn aber bei solchen Demonstrationen plötzlich nur noch Feindbilder bedient werden und es sogar zu Schoa-bagatellisierenden Aussagen kommt, ist eine Grenze überschritten. Bundesweit kam es zu Vorfällen, bei denen die aktuellen Maßnahmen mit dem Nationalsozialismus oder der Schoa verglichen wurden. In entsprechenden Gruppen und Kanälen wurde eine Stimmung geschaffen, nach der sich viele plötzlich im vermeintlichen Kampf gegen ein angeblich faschistisches System sahen. Solche Analogien machen eine gesellschaftliche Debatte unmöglich und verschieben die Grenzen des Sagbaren. Wer auf diese Veranstaltungen geht, bei denen 75 Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus Menschen sich in einem neuen 1933 wähnen, muss sich auch nicht wundern, dafür kritisiert zu werden. Eine kritische Auseinandersetzung mit den Demonstrationen gehört ebenso zur Meinungsfreiheit.

Bonner Akademie: Nachdem die AfD zuletzt wenig opponieren konnte, kamen Bedenken auf, sie könne sich beispielsweise über die „Querfront“-Demonstrationen wieder ins Spiel bringen. Ist diese Sorge realistisch oder wird die bunte Durchmischung der Demonstrationen dies verhindern?

Lamberty: Gerade bei Anhängern der AfD ist der Glaube an Verschwörungen weit verbreitet. Insgesamt meinte jeder fünfte, dass „Politik und Medien die Gefährlichkeit des Corona-Virus ganz bewusst übertreiben, um die Öffentlichkeit zu täuschen“ (infratest dimap für Zapp, Mai 2020). Bei AfD-Anhängern waren es dagegen 54 Prozent. Das weiß auch die Partei und hat immer wieder solche Narrative für sich genutzt. Und das ist nicht ungefährlich. Verschwörungserzählungen wurden und werden schon seit langem auch zur politischen Stimmungsmache genutzt. Es wird ein klares Feindbild konstruiert, das absolut Böse. Und wo es ein absolut Böses gibt, können sich die Verschwörungsideologen auch als das absolut Gute inszenieren. Verschwörungserzählungen immunisieren gegenüber Kritik. Wer sie kritisiert, wird entweder als naiv abgestempelt oder gleich als Teil der Verschwörung angesehen. Auf diese Weise bindet man Anhänger noch stärker an sich. Im letzten Schritt können Verschwörungserzählungen auch Gewalt legitimieren. Das zeigt sich auch empirisch.

Bonner Akademie: Gibt es bestimmte Personengruppen, die von den Verschwörungstheorien besonders angesprochen werden? Ist dies vergleichbar mit der Unzufriedenheit der ‚Abgehängten‘, die in den letzten Jahren im politischen Diskurs stark vertreten waren?

Lamberty: In der letzten Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung konnten wir sehen, dass Männer eher zu Verschwörungen neigen als Frauen. Dafür gibt es keine Unterschiede bei Altersgruppen, zwischen Ost und West oder Migrationshintergrund. Es gibt auch keine Hinweise, dass bestimmte Persönlichkeitseigenschaften damit etwas zu tun haben. Was sich allerdings zeigte: Menschen mit niedriger formaler Bildung glauben eher an Verschwörungen. Das hat damit zu tun, dass diese Menschen glauben, weniger Kontrolle und Einfluss in der Gesellschaft zu haben.

Wenn Menschen das Gefühl haben, keine Kontrolle zu haben, versuchen sie, Strategien zu finden, damit umzugehen – und Verschwörungserzählungen können eine solche sein. Sie strukturieren die Welt; es gibt die bösen Verschwörer und die, die scheinbar die Wahrheit sehen. Die Welt wird scheinbar begreifbarer. Wenn Menschen in Unsicherheit leben, sind sie empfänglicher für Verschwörungsdenken. Wer beispielsweise seine Arbeit verliert oder unter unsicheren Bedingungen arbeitet, meint eher, dass Strippenzieher im Geheimen das Weltgeschehen lenken.

Dennoch würde ich davon abraten, hier von „Abgehängten“ zu sprechen. Der Glaube an Verschwörungen findet sich in allen Schichten und bei allen Bildungshintergründen. Und er erfüllt auch bestimmte Funktionen. Verschwörungsideologen können so ihre Einzigartigkeitsbedürfnisse befriedigen. Das sieht man auch daran, wie sie sich selbst auf YouTube inszenieren: Alle anderen sind „Schlafschafe“, nur sie sind die Wissenden.

Bonner Akademie: Was ist der beste Umgang mit solchen Verschwörungstheorien? Gibt es – politisch und/oder gesellschaftlich – Maßnahmen, um deren Verbreitung einzudämmen und beispielsweise aufklärend zu wirken?

Lamberty: Es gibt in der Gesellschaft noch wenig Handlungssicherheit im Umgang mit Verschwörungsideologien. Sie wurden lange eher belächelt oder ignoriert. In den letzten Jahren hat sich – durch Terroranschläge wie in Halle aber auch jetzt in der Pandemie – gezeigt, dass dieses Thema nicht vernachlässigt werden darf. Dafür sind solche Ideologien zu weit verbreitet, die Konsequenzen können für eine Gesellschaft bedrohlich sein. Ansätze wie eine kritische Medienbildung sind sicherlich wichtig, damit Menschen mit Informationen besser umgehen können. Ob dadurch der Glaube an Verschwörungen eingedämmt werden kann, finde ich allerdings fraglich. Hier braucht es mehr Forschung und Unterstützung von Initiativen, die versuchen, diesen Ideologien etwas zu entgegnen durch Bildungsangebote, Beratung oder Unterstützung von Menschen, die aus dieser Szene angegangen werden.

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